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Die Neue
© by Inga Rothe

"Was hatte der Lehrer gesagt, morgen soll eine Neue kommen. Komisch, wo die wohl wohnen soll. Ich habe noch nichts gehört, dass in unserem Dorf eine neue Familie eingezogen ist!" sagte Britta, auf dem Heimweg zu ihrer Freundin Petra.
"Hm, ich auch nicht!" Nur gut, das es kein Junge ist, die sind doof und Mädchen haben wir ja kaum in unserer Klasse." erwiderte Petra nachdenklich.

Nachdem Britta ihre Schulaufgaben gemacht hatte, fuhr sie mit dem Rad zu Petra.
"Was, immer noch nicht fertig?"
"Gleich, ich musste mich doch erst ausruhen und Mittagessen!"
"Also ich mache meine Schularbeiten immer sofort, danach habe ich dann immer viel Zeit." entgegnete Britta.
"Ja, du, du bist ja auch soooo schlau!" meinte Petra gedehnt.
"Quatsch, ich passe nur besser auf als du."
Der Nachmittag verging heute langsam, denn wenn man auf etwas wartet, ist es, als ob die Zeit stehen geblieben ist.

Am nächsten Morgen war Britta als erste am Frühstückstisch.
"Was ist denn mit dir los?" fragte die Mutter.
Nachdem sie ihr alles erzählt hatte, war sie auch schon nicht mehr zu halten.
Unterwegs traf sie auch schon auf Petra und gemeinsam beeilten sie sich in die Schule zu kommen.
Obwohl sie auf dem Schulhof Ausschau hielten, war kein neues Gesicht zu sehen. Enttäuscht betraten sie die Klasse, als es klingelte und setzten sich auf ihren Platz.

"Guten Morgen, Kinder!" rief wie immer, fröhlich Herr Hansen, der Klassenlehrer. Es folgte ihm ein Mädchen, das ganz viele Sommersprossen im Gesicht hatte. So viele hatte Britta noch nie gesehen!

"Heute möchte ich euch eine neue Schülerin vorstellen, die hier zu uns gezogen ist. Das ist sie, Corinna Mahler."
Er legte seinen Arm um sie und wies ihr einen Platz neben Petra zu. Natürlich wollten nun alle wissen, wo sie her kommt, wo sie wohnt und woher die vielen Sommersprossen kommen usw.
Herr Hansen aber meinte, sie wollten erst einmal mit dem Unterricht beginnen, das können sie alles in der Pause klären.
Corinna wurde von allen Klassenkameraden in der großen Pause umringt und mit lauter Fragen durchbohrt.
Sie atmete erleichtert auf, als die Pause zu Ende war.

Britta und Petra traten nach Schulschluss wieder gemeinsam den Heimweg an.
"Irgendwie komisch, diese Corinna. Wohnt bei ihrer Oma, der alten Frau Peters."
"Stimmt, wo sind denn ihre Eltern? Ich weiß nicht, aber irgendwie hat die doch eine Macke."
"Ja, mit so vielen Sommersprossen kann die nicht normal sein." entgegnete Britta.
Nachdem sie so richtig über die Neue gelästert hatten, trennten sich erst einmal ihre Wege.

Britta hatte um 15 Uhr Chorstunde in der Musikschule und traf zu ihrer Überraschung Corinna da an.
"He, was machst du denn hier?" fragte sie, nicht gerade höflich. Corinna zuckte merklich zusammen und erwiderte nur: "Ich bin jetzt auch hier im Chor."
Frau Wiemann sah Corinna und nahm sich ihrer an.
"Hallo Kinder, das hier ist unsere Neue, die Corinna. Sie hat eine bezaubernde Stimme und wird ab heute mit bei uns singen.

Diese Worte trafen Britta wie ein Schlag! Bezaubernde Stimme! Dabei war sie doch die, die hier am Besten singt!
"Hi, was hast du denn?" fragte Petra, die auch eingetroffen war.
"Hast du das nicht gehört?" antwortete tonlos Britta. "Die soll so bezaubernd singen können! Da bin ich ja gespannt!"
"Wer möchte heute vorsingen?" fragte in diesem Augenblick Frau Wiemann.
"Soll die Neue doch mal ihr Können unter Beweis stellen, wir hören zu!" warf Britta ein und setzte sich demonstrativ auf dem Tisch.
"Sehr gute Idee, Britta. Corinna, möchtest du?"
Corinna hatte längst bemerkt, was Britta wollte und nahm ihren ganzen Mut zusammen, um das Lied "Kommt ein Vogel geflogen" zu singen.
Als sie geendet hatte, war es ganz still im Raum und Britta musste sich eingestehen, Corinna hatte eine wirklich schöne Stimme. Aber zugeben, würde sie das nie.
Nun war Corinna natürlich erst recht für sie ein Dorn im Auge. Wie kann man die nur wieder los werden, waren ihre Gedanken nun.
"Wow, die singt ja wie eine Elfe!" meinte Petra zu Britta.
"Quatsch, so gut ist die auch wieder nicht. Ich kann es besser!" entgegnete Britta und drehte sich beleidigt um.
"Manno, Britta, nun sei doch nicht gleich beleidigt, du singst auch gut!" Petra wollte Britta in den Arm nehmen, aber diese verließ plötzlich den Raum.

Am nächsten Morgen wunderte sich Petra, wo Britta war, die sie seit der Musikschule nicht mehr gesehen hatte.
Sie kam auch nicht zur Schule, also machte sie sich am Nachmittag auf, um sie zu besuchen.
"Hallo Petra, das freut mich aber, komm doch herein!" hörte Britta ihre Mutter sagen und ging schnell in ihr Zimmer. Sie wollte einfach niemanden sehen! Schließlich hatte sie Kopfschmerzen, das reicht doch wohl!
Kaum hatte sie die Tür geschlossen, kam Petra schon herein.
"Hi, was ist denn los? Deine Mutter meinte, du hättest Kopfweh und konntest nicht zur Schule kommen." plapperte sie gleich drauf los. "Heute war vielleicht was los in der Schule, die Corinna ist echt gut, die weiß alles und..."
"Jetzt hör ja von der auf, ich kann es nicht mehr hören!" rief Britta und hielt sich den Kopf.
"Ist ja schon gut. Was hast du denn?" fragte Petra und setzte sich erst einmal auf das Bett.
Britta wechselte aber das Thema und so verging dann der Nachmittag, ohne das Corinnas Name noch einmal genannt wurde.

Auch nach zwei Wochen konnte sich Britta nicht mit Corinna anfreunden, oder sich an den Gedanken gewöhnen, dass diese auch sehr gut in der Schule war. Vielleicht so gar besser als sie?  Britta wurde immer wütender. Alle Kinder aus der Klasse hatten nur noch Corinna im Kopf und sie wurde kaum noch beachtet. Petra schien auch ganz hin und weg zu sein, denn ihre Schwärmerei ging Britta auf die Nerven!
"Britta, erzähle uns doch bitte, wie heißen die Zelte der Indianer" fragte Herr Hansen.
Als sie nicht reagierte, stupste Petra sie am Arm und Britta fuhr zusammen.
"Bitte, wie war die Frage noch einmal?" entgegnete Britta vollkommen errötend.
"Schlaf weite" meinte Herr Hansen "Corinna, weißt du es?"
Wieder Corinna! Britta rastete beinahe aus.
"Was hast du?" flüsterte Petra ihr zu.
Sie antwortete nicht mehr und schmollte vor sich hin.

Nach dem Unterricht fragte Herr Hansen, was denn seit Tagen mit ihr los sei, aber Britta schüttelte nur mit den Kopf, sie wisse es auch nicht.
Dann rannte sie hinaus und traute ihren Augen kaum, war da hinten nicht ihre beste Freundin mit der blöden Corinna? Tatsächlich!
Britta entschied einen anderen Heimweg zu nehmen, der zwar länger war, aber immer noch besser, als mit dieser Verräterin zusammen zu gehen.

So oft Petra auch versuchte, Britta näher zu kommen, sie blieb verschlossen und war kaum anzusprechen.
Keiner wußte, was mit ihr los war und mieden sie einfach. Das wertete diese allerdings anders und dachte, nun sei Corinna die Beste!

Am Abendbrotstisch hörte sie ihre Mutter zum Vater sagen:
"Das arme Kind, ich bin ihr neulich begegnet. Höflich und sehr nett ist sie. Keiner weiß was werden soll. Wahrscheinlich muss sie in ein Heim!"
"Nun, aber man kann doch auch keiner alten Frau ein Kind zumuten. Immerhin ist die alte Peters schon über achtzig." erwiderte der Vater.
"Sag mal, was ist, wenn wir Corinna aufnehmen?" fragte die Mutter.
Bei dem Namen Corinna, ließ Britta ihr Brot fallen und wurde hellhörig.
"Eine gute Idee", meinte der Vater", Britta, ist sie nicht in deiner Klasse?"
Britta verschluckte sich an dem letzten Bissen und lief hustend ins Bad.
Was war das denn für ein Gerede? Warum sollte diese Ziege hier einziehen? Wo sind denn deren Eltern? Viele Fragen hatte sie, aber keine Antwort. Vielleicht hätte sie sich doch erst einmal um die ganze Geschichte mit der kümmern sollen. Sie wußte ja immer noch von nichts.
Nachdem sie sich hergerichtet hatte, für die Nacht, ging sie leise ins Bett.
Plötzlich kam Mama ins Zimmer.
"Was ist denn nur mit dir los, mein Schatz?" Britta antwortete nicht und somit verließ ihre Mutter den Raum wieder.

Als sie am nächsten Morgen das Klassenzimmer betrat, herrschte ein unheimliches Schweigen.
Einige tuschelten und Britta setzte sich still an ihrem Platz.
Herr Hansen betrat die Klasse, der war heute auch so komisch, oder bildete sie sich das nur ein?
Da erst bemerkte sie, das Corinna fehlte.
"Kinder, was mit der Corinna los ist, wisst ihr ja sicher schon. Ob sie nun wieder kommt, weiß niemand.
"Na, bist du jetzt zufrieden?" raunte Petra bissig.
"Wieso, ich weiß doch gar nicht was los ist." antwortete Britta.
"Willst du mir weis machen, das du keine Ahnung hast?" sagte Petra schnippisch.
Britta verstummte wieder. Wozu sollte sie sich auch äußern, was ging sie Corinna an. Aber hatte sie es richtig verstanden, die sollte wahrscheinlich nicht wieder kommen?

"Petra, wollen wir zusammen nach Hause gehen?" fragte Britta etwas zögernd, nach der Schule.
"Ach ne, was ist denn mit dir los? Zuerst spielst du seit Wochen die beleidigte Leberwurst und nun..."
"Tut mir ja leid, aber du warst ja nur mit dieser Ziege Corinna zusammen, da wollte ich nicht stören!" maulte Britta.
"Du spinnst ja wohl, die Corinna ist eine ganz liebe und gar nicht so, wie du immer behauptet hast. Ihre Eltern sind gestorben, bei einem Verkehrsunfall, kurz, bevor sie hier her kam. Oma Peters hat sie dann aufgenommen. Das wollte aber das Jugendamt nicht, weil diese schon so alt ist und nun ist sie in einem Heim." erzählte Petra, "bist du jetzt zufrieden?"
Britta war sichtlich geschockt, das wußte sie ja nicht. Immerhin war sie plötzlich für alle anderen Mitschüler nicht mehr da. Alles drehte sich nur noch um diese Corinna.
Schweigend traten nun beide den Heimweg an.
"Sag mal, Britta, kann es sein, das du eifersüchtig auf Corinna bist?" fragte Petra.
"Wie kommst du denn darauf?" ereiferte sich Britta, die sich richtig ertappt fühlte.
"Na ja, vergessen wir das. Freundschaft?" Petra reichte Britta die Hand.
"Okay, lass es uns vergessen. Tschüss dann, bis heute Nachmittag!"

Dennoch ließen Britta die Gedanken an Corinna und deren Eltern keine Ruhe.
Zu Hause angekommen, stand ein fremdes Auto vor der Tür. Die Mutter begrüßte sie heute besonders herzlich und meinte, im Wohnzimmer sei eine nette Dame vom Jugendamt. Sie möchte doch mal herein kommen. Sie hätten eine Überraschung für sie.
Was Britta nun vernahm, hätte sie beinahe umgehauen.
Ihre Eltern hatten Kontakt mit Corinna aufgenommen und wollten sie zu sich nehmen und später eventuell adoptieren!

Sie ließ sich nichts anmerken, bat aber artig in ihrem Zimmer gehen zu dürfen.
Da angekommen, weinte sie sich erst einmal allen Kummer von der Seele. Ausgerechnet ihr muss das passieren. Jetzt ist sogar noch ihre Mutter auf deren Seite.
Britta merkte nicht, das ihre Mama das Zimmer betrat und verständnislos an ihrem Bett saß.
"Was hat du, Kind? Was ist denn passiert?" fragte sie besorgt.
Da kam alles aus Britta heraus. "Keiner mag mich mehr, immer geht alles nur um Corinna!" schluchzte sie.
Erschrocken nahm ihre Mutter sie in den Arm. "Wie kommst du nur auf solch einen Blödsinn?" fragte sie.
Britta schaute sie an: "Ist es denn nicht so? Sie ist besser als ich!"
Aber Kind, es geht doch nicht darum, wer besser ist.  Deswegen bleibst du doch immer unsere Britta. Aber Corinna ist fast ganz alleine auf der Welt, sie hat nur noch ihre Oma.
Meinst du nicht, sie könnte wie eine richtige Schwester sein? Du hast dir doch immer eine gewünscht."
Britta überlegte, ja, eigentlich stimmte das ja. Aber was ist, wenn Corinna sie nun gar nicht leiden konnte?

Es dauerte noch einige Tage, bis zur Ankunft von Corinna.
Brittas Vater hatte das Gästezimmer für Corinna hergerichtet. So hatten nun beide Mädchen ihr eigenes Reich. Darüber war Britta besonders froh, konnte sie ihr zumindest aus dem Wege gehen. Obwohl beide Zimmer nebeneinander lagen. Sie fürchtete sich gerade vor diesen Tag und erzählte niemandem aus dem Dorf von dieser Sache.
Heute war es also soweit. Britta rutschte in der Schule nervös hin und her. Herr Hansen schaute sie hin und wieder merkwürdig an, wußte der schon etwas?
Gegen 16 Uhr sollte Corinna eintreffen. Brittas Nervösität nahm immer mehr zu. Kurz vor 16 Uhr klingelte es und die Mutter bat Britta zu öffnen, da sie gerade den Kaffeetisch deckte.
Zaghaft öffnete Britta, das konnte doch nicht schon Corinna sein?
Nein, es war Petra! Ausgerechnet heute! "Du Petra, ich kann heute nicht, denn ich muss meiner Mutter helfen und..." weiter kam sie nicht, denn da sagte schon ihre Mutter: "Das ist aber nett Petra, das du auch zur Ankunft von Corinna da bist. Komm ruhig rein."
Nun war es raus, Britta wurde rot wie eine Tomate.
"Was ist los? Corinna kommt?" fragte Petra ganz durcheinander.
Britta kam nicht mehr dazu etwas zu sagen, denn schon klingelte es wieder und da war sie, Corinna!
Schüchtern gab sie jedem die Hand, Petra fiel ihr gleich um den Hals.
Britta hatte das Gefühl, dieser Nachmittag ginge nie zuende!
Endlich ging Petra und Britta konnte in ihr Zimmer flüchten.
Sie hatte kaum ein Wort mit Corinna gewechselt und als ihr Vater noch vorschlug, eine Runde "Mensch ärgere dich nicht" zu spielen, war ihr das gar nicht recht. Dennoch, sie spielte mit.
Klasse, sie hatte das Spiel gewonnen! Triumphierend räumte sie das Spiel ein.
"Sag mal Britta, können wir uns nicht noch mal unterhalten, bevor wir schlafen gehen?" fragte Corinna.
Zögernd bat Britta sie dann in ihr Zimmer. "Ich weiß nicht, was du gegen mich hast, irgendwie magst du mich nicht", fing Corinna an, "ich wollte erst gar nicht zu euch, aber alle haben so auf mich eingeredet. Tut mir leid, aber wenn du es nicht willst, werde ich bald wieder verschwinden."
Irgendwie hatte Britta plötzlich Mitleid mit ihr. Sie wußte ja auch nicht, was los war. Und mal ganz ehrlich, nett war Corinna und ihre vielen Sommersprossen sahen doch auch ganz süß aus.
Sie unterhielten sich noch sehr lange und stellten viele Gemeinsamkeiten fest.
Bis dann der Vater ins Zimmer kam und meinte, sie sollten jetzt aber schlafen, wenn auch Wochenende ist.

Am nächsten Tag besuchten die beiden Mädchen zusammen Corinnas Oma, die überglücklich war, das ihre Enkelin wieder in der Nähe wohnte.
Britta mochte sie sofort und ihre Mutter holte sie nun öfters zum Essen ab.
Somit bekam Britta nicht nur eine Schwester, sondern auch eine Oma dazu.
Natürlich stritten sie sich auch mal, aber das ist bei normalen Geschwister auch so. Ein Leben ohne Corinna, konnte Britta sich bald gar nicht mehr vorstellen. Petra war immer noch ihre beste Freundin und zusammen waren sie eine richtige Clique.

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