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Nanny

© by Inga Rothe

Im Tierpark waren alle aufgeregt, denn heute sollte Munga, eine stattliche Gorilladame, ihr erstes Baby bekommen. Alle Affen waren aus dem Häuschen und freiten sich auf den Neuankömmling.
Aber es dauerte und dauerte. Man versuchte sich gegenseitig zu entlausen, um die Zeit zu überbrücken, aber es war schwer Ruhe zu bewahren.
Gegen Abend berichtete Onko, der angehende Vater, das Munga das Baby bekommen habe, aber sie nun allein in einer Hütte sei.
Ratlos schüttelten alle den Kopf. Diese Ratlosigkeit hielt an, denn erst nach einigen Wochen kam Munga wieder zu ihnen. Sie sagte nichts, weinte nur den ganzen Tag. Von daher glaubten nun alle ganz sicher, das Baby sei gestorben.
Munga sprach auch nicht zu Onko, der sich sehr um sie bemühte, aber umsonst, sie ließ niemandem mehr an sich heran.
Eines Tages kam der Tierarzt und sprach mit dem Wärter. Onko verstand die Sprache der Menschen, schliesslich war er schon sehr lange hier. Was er da hörte, konnte er kaum glauben.
Sofort eilte er zu den anderen, um zu berichten.
“He, alle mal herhören. Ich bin Vater einer kleinen Tochter geworden und sie lebt!”
Jubelnd sprang die Affenbande durch den großen Käfig.
“Aber wo ist sie?”, rief plötzlich Dora, eine Affendame, dazwischen.
Onko senkte traurig den Kopf und erzählte, was er gehört hatte.
“Es war eine schwere Geburt, das Baby wollte einfach nicht kommen und Munga hatte zum Schluss keine Kraft mehr. Man musste sie operieren, um das Baby zu holen. Als sie erwachte, war das Baby nicht da und sie dachte auch, es sei gestorben. Als sie etwas Kräfte gesammelt hatte, brachten sie Nanny, so nannten sie das Baby, zu ihr, aber sie nahm es nicht an. Sie glaubt immer noch, unser Baby ist gestorben.” Erschöpft setzte sich Onko auf einem Ast.
Entsetzt schauten die anderen ihn an. “Was geschieht jetzt?” , fragte Dora.
Onko zuckte mit der Schulter. Keiner wusste es, noch nicht einmal die Wärter.
 
Nanny wurde von einer Pflegerin liebevoll versorgt. Sobald sie etwas größer war, sollte sie in der Nähe der Affen untergebracht werden, damit sie deren Sprache sprechen lernte.
So viel Mühe sich auch die Affen gaben, Munga davon zu überzeugen, das ihr Baby lebt, sie sprach nicht mehr. Zog sich immer mehr zurück.
Lange war es nicht mehr so fröhlich im Affenhaus, wie es eins einmal war. Alle machten sich Sorgen um sie.
Es wurde Winter und ziemlich kalt. Trotz der gut gewärmten Räume, saßen die Affen dicht beieinander. Munga wie immer alleine in einer Ecke. Onko versuchte noch einmal sie aufzubauen, umsonst. Munga wendete sich wieder ab und starrte vor sich hin, wie schon seit Monaten.
Endlich wurde es Frühling. In dem Affenhaus wurde geputzt und einige Räume renoviert.
Onko hörte einen Wärter sagen, das sie das Affenbaby wieder zu den Affen bringen wollten.
Gespannt saßen nun alle da, nachdem Onko es ihnen erzählt hatte und warteten.
Dann war es soweit. Ein Wärter teilte einen Raum ab, der gerade so groß war, das man sich darin verstecken konnte. Es gab auch eine Tür, durch die man zu den anderen gelangen konnte, aber sie war zu.
Die Tierpflegerin kam mit Nanny auf dem Arm. Ängstlich umklammerte sie den Arm der Pflegerin, die sie für ihre Mutter hielt und die beruhigend auf sie einwirkte.
Nanny verstand zwar die Menschensprache, aber sprechen konnte sie sie nicht.
Als sie nun verstand, das man sie hier lassen wollte, schrie sie erbärmlich. Dennoch, es half nichts. Sie kam in dem Käfig und die Pflegerin entfernte sich schnell.
Nanny schrie noch lauter, tobte, aber es nutzte nichts.
Als sie sich wieder etwas beruhigt hatte, sah sie sich um und blickte genau in die Augen von Onko.
“Geh weg du Ungeheuer!” rief sie erbost.
Nun wurde Onko böse und schrie zurück: Was glaubst du eigentlich, wer du bist?”
“Ich bin Nanny und du ein Ungeheuer!”
“Ich bin dein Vater!”
Erschrocken hielt Nanny inne. Ihre Pflegemama war ganz weiss, ihren Papa hatte sie noch nie gesehen und sie selber war auch ganz voller Haare. Und wenn sie ganz ehrlich war, sah sie dem Ungeheuer auch noch ähnlich.
Nun sah sie auch noch die anderen, die auch so aussahen wie sie. Schnell setzte sie sich auf einen Balken und hielt es erst mal für gescheiter, den Mund zu halten.
Neugierig wurde sie bestaunt.
“Na, hast du dich wieder beruhigt?” sagte  Onko, der nun schon wieder etwas liebevoller ausschaute. Nanny schwieg immer noch.
“Die ist genauso schweigsam wie ihre Mutter!” rief Dora und alle stimmten zu.
Mutter? Nanny wurde hellhörig. Wieso Mutter, meine Pflegemutter ist doch nicht schweigsam, dachte sie.
Am nächsten Tag öffneten die Wärter die kleine Tür. Nun konnte Nanny zwar raus, aber die anderen auch zu ihr rein.
Sie überlegte, sollte sie nun zu den anderen, oder nicht. Zu spät, da kam auch schon Murrath zu ihr herein. Er war der jüngste in der Affenfamilie und konnte es gar nicht erwarten, Nanny zu lausen. Er fing auch gleich an. Nanny haute ihn aber gleich eine runter und meinte: “Lass das du, du...”, ja was war er denn nun? Eigentlich sah er genauso aus wie sie.
“Ganz schön frech, aber du kannst ja reden” erwiderte er und wollte beleidigt die Ecke verlassen.
“Bleib hier”, rief nun Nanny, denn so schrecklich fand sie Murrath auch wieder nicht.
Sie wollte nun alles wissen, warum sie so wie die anderen aussah, ihre Pflegemutter aber weiss war...
Murrath klärte sie auf und erzählte ihr, was geschehen war.
“Deine richtige Mutter sitzt da hinten in der Ecke”, sagte er und zeigte in die Richtung.
Neugierig schaute Nanny sie an.
 
Nach zwei Tagen traute sie sich schon ganz in deren Nähe und versuchte Munga zu necken. Diese reagierte aber gar nicht auf sie und das ließ Nanny keine Ruhe.
Täglich machte sie auf sich aufmerksam. Warf Munga eine Banane zu, zupfte sie an den Armen, aber nichts geschah.
 
Nanny fühlte sich mittlerweile wohl in dieser Familie und sauste wie ein Wirbelwind durch das Gehege.
Alle liebten diesen kleinen Wirbelwind, der nur Dummheiten im Sinn hatte.
Onko liess sich so einiges gefallen, auch das sie ihm ans Ohr zog oder an seine starken Arme hängte.
Murrath wurde ihr Freund und sie ließ nun auch zu, das er sie entlauste. Das machte ihr so viel Vergnügen, das sie es auch tat.
Was sie auch anstellte, es gelang ihr immer noch nicht die Aufmerksamkeit ihrer Mutter zu erlangen.

Mit Nüssen bewaffnet kletterte sie eines Tages hoch über den Kopf ihrer Mutter und ließ eine Nuss nach der anderen fallen, um diese zu ärgern. Immerhin schaute diese sie an. Genau in diesem Moment verlor Nanny den Halt und stürzte herab. Es war wie ein Reflex, denn Munga fing sie auf. Erschrocken krallte sich Nanny in ihr Fell und wollte sie gar nicht mehr los lassen.
Alle hatten es entsetzt mit angesehen und klatschten nun Beifall.
Munga konnte wieder klar denken, es war, als erwachte sie aus einem langem Schlaf. Sie wurde von ihren Muttergefühlen völlig überrannt und drückte Nanny an sich. Sie konnte sich an beinahe gar nichts mehr erinnern, aber eines wusste sie, das kleine Bündel hier, war ihr Kind.
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