Zurück

Alles war so fremd hier. Die Häuser, die Menschen, die waren auch ganz anders gekleidet. Naomi konnte gar nicht genug aus dem Autofenster sehen.
Als sie ankamen, war da auch wieder eine Frau, die sie in Empfang nahm. Die andere verabschiedete sich schnell und nun folgte sie der Heimleiterin, wie sich später herausstellte.
Man gab ihr wärmere Kleidung, die sie skeptisch betrachtete und nach langem Überreden anzog. Ihr Kleid aber gab sie nicht aus der Hand, sie beschütze es wie einen Schatz!
Viele Kinder gab es hier und sie wurde von allen Seiten umringt. Das machte ihr Angst und sie verkroch sich unter dem Tisch.
Natürlich wurde sie dann ausgelacht, bis die Leiterin sie da wieder hervor holte und ihr erklärte, sie hieße Frau Maibach. "Und du Kind, wie heißt du?",  fragte sie, aber nicht auf Antwort hoffend.
"Ich heissen Naomi Ilmandu", erwiderte sie zaghaft und reichte der erstaunten Frau Maibach die Hand.
"Du kannst ja unsere Sprache",  entgegnete sie überrascht.
"Ich haben von Corry lernt",  sagte Naomi stolz, wenn auch nicht ganz fehlerfrei, man verstand sie.

Obwohl sich Naomi viel Mühe gab, sie hatte es schwer, sich einzugewöhnen. Alles war neu für sie.
Da gab es Schlafstätten nicht nur auf vier Beinen, sie waren auch übereinander gebaut. Bei den Wasserrohren mit Löchern, besser gesagt, Duschen, musste man aufpassen, denn wenn man den falschen Knopf drehte, wurde das Wasser ganz heiß!
Auch musste man immer die Zähne sauber machen, nicht mit den Fingern, sondern mit einem ganz kleinen Besen, den nannten sie Zahnbürste. Dazu gab es Creme darauf, die schmeckte ganz komisch. 
Tja, nun hatte Naomi so viele Kinder zum Spielen, aber sie hatte großes Heimweh nach ihrem Vater, nach Silas und nach Corry.
Sie lernte sehr schnell und als sie hörte, im Sommer solle sie auf einer Schule gehen, war sie überglücklich.
Sie jubelte plötzlich durch das Haus und Frau Maibaum fragte sie, warum sie sich denn so freue. Dann kann ich endlich dem Corry schreiben, vielleicht hat er meinen Vater gefunden.
"Eine gute Idee, du kannst mir aber auch die Adresse geben und wir beide schreiben einen Brief. Du sagst mir was und ich schreibe." sagte gutmütig Frau Maibaum.
Naomis Augen glänzen dankbar und sie fingen noch am gleichen Tag an zu schreiben.

Eines Tages kam eine ganz nette Frau mit ihrem Mann ins Heim und wollten mit Naomi sprechen, um sie kennen zu lernen.
Frau Maibaum hatte ihr schon gesagt, dass sie in einer Pflegefamilie kommen sollte, da sie so gescheit sei, würde es sicher nicht mehr lange dauern.
Scheinbar mochte dieses Ehepaar Naomi sehr, denn wenige Tage später durfte sie zu ihnen um ein Wochenende da zu verbringen.
Naomi mochte diese Frau auch und war ganz glücklich. Sie packte ganz schnell ein paar Sachen zusammen. Natürlich durfte ihr Kleid nicht fehlen, obwohl es ihr zu klein geworden war.

Naomi staunte, die hatten ein großes Auto, auf dem das Dach fehlte. Nur gut, dass es nicht regnete, wie es hier in Deutschland öfters vor kam. Spaß machte das allerdings, die Haare flatterten nur so im Fahrtwind. So schnell ist sie noch nie gefahren worden.
Dann standen sie vor einem weißem Haus, mit blauen Fenstern und einen wunderschönen Garten drum herum. So etwas hatte sie noch nie gesehen, andächtig stand sie davor.
Herr Schlüter, so hieß der Mann, nahm sie an der Hand und zeigte Naomi das Haus.
Sie sollte ein eigenes Zimmer haben, wenn es ihr hier gefallen würde.
Naomi traute sich gar nichts anzufassen. Im Wohnzimmer stand eine große Tonmaschine, wenn man da auf solche weißen und schwarzen Dinger drückte, kamen Töne daraus. Zuerst erschrak sie, aber dann machte ihr das sehr viel Spaß. Herr Schlüter meinte, das sei ein Flügel. Komisch, sie hatte doch gedacht, das Flügel etwas zum Fliegen sind, aber an dieser Maschine fand sie keine.

Leider ging dieses schöne Wochenende viel zu schnell zu Ende. Frau Maibach holte sie ein paar Tage später zu sich ins Büro und meinte, was sie denn nun von diesem Ehepaar hielte. Ob sie sich vorstellen konnte, da vorerst einmal zu wohnen?
Naomi war begeistert und natürlich konnte sie es sich bei Herrn und Frau Schlüter vorstellen, zu wohnen.
So kam es, dass Naomi zwei Wochen später ihre Sachen packen durfte und zu dieser Familie zog.

Noch immer hatte sie nichts von ihrem Vater gehört, oder von Corry, das machte sie sehr traurig. Nun sollte sie erst einmal in die Schule kommen und Frau Schlüter fuhr mit ihr in die Stadt, um sie neu einzukleiden und alles Nötige für den Schulanfang zu kaufen.
Naomi staunte, was es in der Stadt alles gab. Sie durfte sich die Kleidung selber aussuchen, wenn auch Frau Schlüter einige Ratschläge dazu gab.
Überglücklich und dennoch erschöpft, kamen sie zu Hause an. Herr Schlüter saß an der Tonmaschine und spielte damit. Naomi setzte sich daneben und schaute zu, w
ährend seine Frau das Abendessen zubereitete.
Morgen also war Naomis großer Tag! Sie wird Lesen und Schreiben lernen und das ganz schnell, so hatte sie es sich vorgenommen.
Nachdem sie mitgeholfen hatte, das Geschirr zu spülen, ging sie ins Bett. Es dauerte ziemlich lange, bis sie einschlafen konnte, denn es gingen ihr so viele Gedanken durch den Kopf.

Frau Schlüter fand, Naomi war das hübscheste Mädchen was sie je gesehen hatte und welches jemals auf diesem Schulhof gesehen wurde.
Wie sehr wünschte sie sich auch ein Kind, aber der liebe Gott wollte ihr kein eigenes schenken. Nun hoffte sie, das sie Naomi irgend wann einmal als ihre Tochter ansehen konnte. Herrn Schlüter ging es ebenso, der an diesem Tag nicht fehlen wollte.
Naomi stand an der großen Treppe und wartete geduldig, bis sie endlich hinein durfte.
Als es dann so weit war, blieben die Erwachsenen draußen, nur die Kinder gingen in die Klassenzimmer.

Die Lehrerin stellte sich vor, erzählte ihnen eine Geschichte und verteilte Stundenpläne. Danach durften sie auf dem Schulhof zum Fotografieren.
Nur Naomi weigerte sich, die Klasse zu verlassen.
"Na, du bist sicher Naomi, was ist los, möchtest du nicht auch nach draußen gehen?", fragte die Lehrerin.
"Nein, ich bin doch hier zum Schreiben und Lesen lernen! Und bis jetzt habe ich es noch nicht gelernt. Also bleibe ich auch hier", erwiderte Naomi beharrlich.
Da musste die Lehrerin aber lachen und erklärte ihr, das heute erst einmal das Fest für alle Schulanfänger sei und dann ab morgen gelernt würde.
Enttäuscht verließ Naomi das Schulgebäude um sich den Fotografen zu stellen und dann ganz traurig nach Hause zu gehen.
"Naomi, was ist denn los, hattest du keinen Spaß heute?", fragte Frau Schlüter unterwegs.
Diese schüttelte den Kopf und Tränen kullerten über ihre Wange.
"Ich dachte, ich könne heute schon Lesen und Schreiben und dabei ist nichts passiert" schluchzte sie.
Tröstend nahm sie Frau Schlüter in den Arm und sagte, dass das nicht so schnell gehen würde.

Oh, wie sollte sie sich täuschen. Innerhalb weniger Wochen konnte Naomi lesen. Das Schreiben dauerte auch nicht viel länger.
"Dieses Kind ist ein Wunder", sagte eines Abends Herr Schlüter zu seiner Frau. "Die Klassenlehrerin meinte, sie sei viel zu weit für die erste Klasse. Sie könnte auch schon die Zweite besuchen, aber das müssen sie noch mit dem Rektor klären."
Oh ja, Naomi wollte lernen, sie wollte alles wissen. Sie konnte nicht abwarten, bis sie in der Schule eine Seite durchgenommen hatten, sie ging das Buch gleich bis zum Ende durch.

Noch immer hatte Corry nicht geschrieben, sie war nun schon sechs Monate in Hamburg.
Bald gab es hier ein Fest. Sie nannten es Weihnachten. Da wurde ein Geburtstag gefeiert,  vom Sohn des weissen Mannes im Himmel, obwohl das Kind schon groß ist und gestorben war.
Na ja, da gab es wieder ein anderes Fest, wo man traurig sein musste.
Weihnachten sollte man lachen und es gab Geschenke, erzählte man in der Schule.
Naomi wünschte sich nur, das Corry sich meldete und sie ihren Vater und den kleinen Silas wiedersehen durfte.

Es war der erste Advent. Frau Schlüter hatte viele schöne Dinge aufgehängt, das ganze Haus geschmückt! Es sah wirklich toll aus.
Plötzlich sah sie durch das Fenster. Was ist das denn? Es regnete weißen Regen! Aufgeregt lief Naomi hinaus um dann aber wieder ganz schnell herein zu kommen, um sich warm anzuziehen.

"Es schneit", sagte Herr Schlüter und begleitete Naomi hinaus.
Die beiden tobten nun durch den Schnee und Naomis Begeisterung nahm kein Ende.
Als es dunkel war, las Frau Schlüter aus einem dicken Buch vor. Diese Schrift konnte Naomi noch nicht lesen, aber das war so spannend, dass sie es auch bald lernen wollte.
Aha, in dieser Geschichte erzählt man von der bevorstehenden Geburt des Kindes.

Naomi gefiel das Geburtstagsfest oder Weihnachten wie man es nannte. Es war herrlich durch den weißen Regen zu gehen, der auch liegen blieb und nicht im Boden verschwand.
Als sie aus der Schule kam, winkte Frau Schlüter schon vom Fenster.
"Naomi, du hast Post!" Aufgeregt rannte sie ins Haus.

Es war Post von Corry!

Corry kam erst einige Wochen später in seine Heimat zurück und fing gleich an, nach Naomis Vater zu suchen. Doch der Name war unbekannt. Sie hatten zwar einen Verwaltungsangestellten in der Reederei, aber der hieß anders. Nach dem Aufstand hatte man die Halle und das Büro angezündet. Viele Männer seien umgekommen und andere schwer verletzt worden. Einige liegen immer noch in verschiedenen Krankenhäusern, mit schweren Verbrennungen.

Er würde weiter suchen und ihr dann eine Nachricht zu kommen lassen.

Naomi kamen die Tränen und Frau Schlüter nahm sie tröstend in ihre Arme.

"Nun beruhige dich erst einmal, Kind. Die Behörden sind doch auch informiert. Dein Vater muß noch leben, denn sonst hätte man davon gewusst.

Dennoch, diese Nachricht ließ ein Schatten zurück, obwohl Naomi noch hoffen konnte.

Wochen später, Frau Schlüter konnte es nicht mehr mit ansehen, wie Naomi immer blasser, immer stiller wurde, rief sie gleich nach dem Naomi in der Schule war, das Jugendamt an.

Nein, es gab immer noch nichts Neues zu berichten.

Abends sprach sie mit ihrem Mann, dem auch aufgefallen war, das Naomis so still geworden ist und immer weniger wurde.

"Sag mal, was würdest du davon halten, wenn wir unseren Urlaub in diesem Jahr in Kairo verbringen?", fragte Herr Schlüter seine Frau. Diese zögerte nicht lange und war sofort einverstanden, obwohl sie Angst davor hatte, Naomi zu verlieren. Sie sah aber ein, das es so nicht weiter ging und das Kind tat ihr so leid.

Zuerst sagten sie ihr nichts, sondern versuchten für sie einen Reisepass zu bekommen. Das war gar nicht so einfach und dauerte seine Zeit.

Zwischenzeitlich hatte Naomi ihren siebten Geburtstag gefeiert. Obwohl sie viele Kinder eingeladen hatte, so richtig glücklich war sie nicht. Sie bekam auch ein Fahrrad. Als sie das sah, fiel ihr wieder ihr Vater ein und keiner verstand, warum sie weinte.

Endlich, eine Woche vor Ferienbeginn, waren die Papiere da und sie konnten buchen.

Die Schlüters wollten Naomi diese Überraschung besonders spannend präsentieren und mit einem Zoobesuch verbinden.

Naomi war sehr aufgeregt, als Frau Schlüter ihr erzählte, was sie gleich nach dem Frühstück tun wollten.

Es wurde ein schöner Tag. Naomi vergaß für ein paar Stunden ihren Kummer. Als sie dann noch zu Mc. Donald fuhren, war das für sie der Höhepunkt. An die Überraschung dachte sie gar nicht mehr.

Lange hatten Frau und Herr Schlüter die Kleine nicht mehr so glücklich gesehen.

Nachdem Naomi ein großes Eis verdrückt hatte, erfuhr sie, das sie mit den Schlüters in den Urlaub fahren sollte und das Tollste war, sie wollten nach Kairo! Vielleicht finden sie auch ihren Vater. Naomi konnte ihr Glück nicht fassen. Weinend und lachend zugleich nahm sie Herrn und Frau Schlüter abwechselnd in den Arm.

"Noch ein paar Tage und dann geht es los!" jubelte sie.

 

Naomi kehrt zurück

Das Flugzeug startete pünktlich. Frau und Herr Schlüter sind schön öfters geflogen, aber Naomi nicht. Zuerst hatte sie ziemlich Angst, als sie das Große Flugzeug sah, aber die Sehnsucht nach ihrem Land war dann doch stärker.
Es war ein langer Flug, sie bekam aber kein Auge zu. Kurz vor der Landung musste Frau Schlüter sie wecken, denn irgend wann schlief sie dann doch ein.
Sofort war sie wieder hellwach und voller Erwartung.
Mit zitternden Knien betrat Naomi ihren Heimatboden. Obwohl sie ja nicht lange in dieser Stadt gewohnt hat, erkannte sie doch einige Häuser wieder, als sie mit einer Taxe dann in ein Hotel, Nähe des Hafens fuhren. Am Liebsten wäre Naomi gleich hingelaufen, aber Frau Schlüter meinte, sie hätten doch noch soviel Zeit.
Nachdem sie sich alle frisch gemacht hatten und umgezogen, wurde erst einmal gegessen.
Naomi bekam kaum einen Bissen herunter. Herr Schlüter konnte es nicht mehr mit ansehen, wie sich Naomi zusammen nehmen musste, obwohl sie doch so aufgeregt war.
Seine Frau musste sich danach erst einmal etwas hinlegen, darum nahm er Naomi an der Hand und sie marschierte in Richtung Hafen.

Nach dem Vorfall vor über einem Jahr, war dieser aber noch mehr gesichert, man kam kaum noch heran. Überall standen Wachposten.
Naomi sprach gleich den ersten Mann an, den sie begegneten und vor lauter Aufregung auf Deutsch. Der schüttelte nur mit dem Kopf.
"Du musst schon deine Sprache sprechen," lachte Herr Schlüter.
Dieser Mann kannte aber ihren Vater auch nicht.
"Was meinst du denn, wenn wir mal nachsehen, ob er zu Hause ist" meinte Herr Schlüter. "Weißt du denn noch, wo eure Wohnung war?"
Das sie aber auch darauf nicht gekommen ist. Jetzt war Naomi nicht mehr zu halten, sie zog Herrn Schlüter am Arm und meinte, er möchte doch schneller gehen.
Da standen sie nun vor ihrer damaligen Wohnung.
Naomis Herz klopfte bis zum Hals. Bevor Herr Schlüter sie noch halten konnte, hatte sie auch schon die Tür aufgerissen und rannte hinein.
Entsetzt blickte sie in das Gesicht einer erschrockenen, unbekannten Frau und deren Mann.
Sie konnte nichts sagen, stand nur da und brach in Tränen aus. Herr Schlüter entschuldigte sich für ihr Benehmen auf Englisch und wurde verstanden.
Der Mann sagte ihm, nachdem er alles erklärt und nach Naomis Vater gefragt hatte, er wohne schon seit mehreren Monaten hier und wußte nur, dass die Familie, die vor ihm hier gewohnt hatte, schreckliches passiert sei.
Der Lagerverwalter hatte seine Frau verloren und hätte hier mit seiner Tochter gewohnt. Dann war vor einem Jahr der Aufstand und dabei sei er schwer verletzt worden. Die Tochter wurde nie wieder gefunden, man vermutete, dass sie auch umgekommen sei.
"Dann bist du das kleine Mädchen?" fragte er Naomi auf seiner Sprache.
Diese nickte und weinte nun noch mehr.
"Du musst nicht weinen," sagte der Mann, "dein Vater lebt!"
Er nahm Naomi tröstend in die Arme und seine Frau lud Herrn Schlüter zu einer Tasse Kaffee ein. Sie überlegten noch, wo man erfahren konnte, wo der Vater geblieben sein konnte, als Naomi sich etwas erholt hatte und meinte, da wäre doch noch ihr Onkel Osman, den könnten sie fragen.
"Eine gute Idee, aber zuerst gehen wir wieder ins Hotel, du musst dich jetzt auch erst einmal ausruhen." erwiderte Herr Schlüter.
Sie verabschiedeten sich herzlich von dem netten Ehepaar und schlenderten langsam zurück. Naomi plapperte drauf los, erzählte, wo sie überall war und welches Haus sie kannte.

Im Hotel angekommen, legte sich Naomi hin und schlief auch gleich ein.
Frau Schlüter war erschüttert, als sie hörte, was passiert war.
"Dann denkt der Vater, seine Tochter sei gestorben, das ist ja schlimm." sagte sie, als ihr Mann fertig erzählt hatte.

Naomi wachte erst gegen 11 Uhr auf und nachdem sie gefrühstückt hatten, nahmen sie sich eine Taxe um den Onkel zu suchen. Das war gar nicht so leicht, den Weg zu finden, aber nach einigen Stunden fanden sie die Hütte wieder.
Kaum hielt das Taxi, sah Naomi auch schon ihre Tante Omti. Jubelnd lief sie los.
Plötzlich schrie die Frau entsetzlich los. Herr und Frau Schlüter wussten nicht warum, aber der Taxifahrer übersetzte es auf Englisch.
"Frau schrein, Mädchen sei tot, sei Geist!" sagte er.
Da kam ein Mann aus der Hütte, es war wohl Naomis Onkel, der ganz blass wurde, als er das Kind sah. Als er sich vergewissert hatte, in dem er sie anfasste, dass sie ein Mensch war, also Naomi, herzte und küsste er sie.
Die Tante verschwand ungläubig in der Hütte um ihre kleine Tochter zu holen.
Nun kam Naomi mit ihrem Onkel auf die Schlüters zu, damit sie sich kennenlernten.
Herr Schlüter schickte erst einmal den Taxifahrer fort und meinte, er solle so in etwas 2 Stunden wieder kommen.
Naomi war überglücklich. Natürlich wollte sie auch gleich wissen, wo ihr Vater sei. Onkel Osman sagte, er wohne am anderen Ende der Stadt. Seit ein paar Monaten sei er aus dem Krankenhaus. Im Hafen hatte man ihn entlassen, da es denen zu lange gedauert hatte, bis er wieder da war. Er arbeitete aber wieder und diesmal in einem großen Bürohaus.
"Dein Vater ist ein kluger Mann." endete er.
Naomi hatte alles den Schlüters übersetzt und Herr Schlüter meinte lächelnd, jetzt weiß ich, woher du das hast, Naomi.

Die zwei Stunden vergingen schnell. Sie tauschten noch die Adressen aus und bekamen auch die von Naomis Vater.
"Wollen wir gleich zu ihm fahren?" fragte er im Taxi Naomi.
Sie konnte nicht antworten, kuschelte sich nur an ihm. Frau Schlüter kamen die Tränen, obwohl sie nun auch hätte froh sein sollen, fühlte sie den Abschied von Naomi nah. Sie liebte dieses Kind über alles.

Der Taxifahrer hielt an einem kleinem Haus am Rande der Stadt.
Diesmal ging Naomi zaghaft voran. Sie klopfte und es öffnete ihr eine Fremde Frau. Sprachlos sah sie sie an. Schnell hatte sie sich aber gefasst und fragte nach Herrn Ilmandu und die Frau bat sie herein. Herr und Frau Schlüter warteten erst einmal vor dem Eingang.
Da stand er, Naomis Vater! Naomi hatte plötzlich ganz wackelige Knie. Herr Ilmandu musste sich erst einmal setzen und die Frau verstand gar nichts.
Wortlos lief Naomi zu ihrem Vater, nahm ihn in die Arme und wollte ihn nicht mehr los lassen. Beide weinten vor Freude. Nun begriff die Frau auch was los war und auch ihr kamen die Tränen.
Dann bat sie die Schlüters herein und Naomi erzählte von ihrem Abenteuer.
Komm mal her, meinte der Vater, wer hier ist. Er öffnete eine Zimmertür und Naomi konnte es kaum glauben, da spielte der kleine Silas, der schon tüchtig gewachsen war.
Es stellte sich heraus, dass die Frau Krankenschwester war, ihren Vater damals gepflegt hatte.
Nun wollten sie bald heiraten und darum haben sie den kleinen Silas zu sich geholt.
Herr und Frau Schlüter waren ziemlich still geworden, denn sie wussten, Naomi wird bei ihrer Familie bleiben und das machte sie traurig.
Es wurde ziemlich spät, als die Schlüters aufbrachen.
"Was ist mit dir, Naomi, möchtest du erst einmal hier bleiben?" fragte Herr Schlüter, in der Hoffnung, sie würde doch wieder mit ins Hotel kommen.
"Darf ich hierbleiben?" fragte sie und übersetze es ihren Vater.
Naomi blieb bei ihrem Vater. Versprach aber, am nächsten Tag anzurufen. Anrufen, innerlich musste sie lachen, denn vor einem Jahr wußte sie noch nicht was das war.

Frau Schlüter konnte diese Nacht nicht schlafen, sie war sehr unglücklich. Hatte deswegen auch ein schlechtes Gewissen, da Naomi jetzt so glücklich war und sie ihr das nicht zu gönnen schien.
Ihr Mann ließ sich nichts anmerken, aber ihm erging es ähnlich.

Naomi hielt ihr Versprechen und rief an. Die Schlüters meinten schweren Herzens, sie könne ruhig noch da bleiben, schließlich hätten sie ja Urlaub.
An manchen Tagen trafen sie sich alle gemeinsam, um die Sehenswürdigkeiten der Stadt zu bewundern und auch Ausflüge zu machen.
Mittlerweile waren sie schon 4 Wochen in Kairo, bald mussten sie wieder fort. Frau Schlüter litt sehr darunter. Niemand berührte dieses Thema.
In der letzten Woche aber, fiel Herrn Schlüter auf, dass Naomi auch stiller geworden war. Was wohl in diesem Kind vor geht, dachte er.
Heute wollten sie zum letzten Mal an dem Strand fahren. Die Schlüters bedauerten, dass Naomis Vater kein Englisch sprach und sie sich nur mit Zeichensprache verständigen konnten. Sie waren sich sehr sympathisch.
Unterwegs erzählte Naomi stolz, ihr Vater würde englisch lernen und sie wollte das auch.
Frau Schlüter lächelte, denn sie wußte, was Naomi wollte, das tat sie auch.
Es wurde ein sehr schöner Tag und alle waren vergnügt, obwohl der Abschied bevor stand.
Naomi tobte in den Wellen herum, obwohl sie gerade erst Schwimmen gelernt hatte.
Dann plötzlich lief sie zu Frau Schlüter, kuschelte sich an sie und fing an zu weinen.
"Was hast du, meine Kleine?",  fragte sie und streichelte über Naomis Haar.
Naomi sah sie an und fragte, darf ich denn auch wieder mit nach Deutschland?
Nun war es heraus.
"Natürlich darfst du das, wenn du es möchtest und dein Vater einverstanden ist",  erwiderte überrascht Frau Schlüter.
Naomi stieß ein Freudenschrei aus und rannte so schnell es ging zu ihrem Vater.
Dieser kam dann langsam und doch etwas traurig auf sie zu.
Er gab ihr die Hand und Naomi musste übersetzen.
Seine Tochter hatte sich so schnell an Deutschland, an das andere Leben gewöhnt, dass er ihr hier nicht bieten könne. Außerdem würde sie ohne ihre Schlüters auch nicht mehr glücklich sein. Darum sollte sie sich entscheiden, wo sie bleiben wollte.
Es ist ihr nicht leicht gefallen, da sie alle gleich lieben würde, aber in Deutschland hätte sie mehr Chancen, etwas aus ihrem Leben zu machen. Und immer wenn Ferien sind, könne sie kommen, er würde ihr das Reisegeld schicken. Er hätte auch großes Vertrauen zu ihnen.
Herr Schlüter war dazu gekommen und konnte es nicht fassen. Glücklich umarmte er Naomis Vater und versprach gut für sie zu sorgen.

Es war ein schwerer Abschied auf beiden Seiten, aber bald waren ja wieder Ferien.

Fortsetzung? Wer weiß...

 

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