Zurück

Und immer wieder kurz vor Weihnachten...

Inga Rothe © 2004

Ein eisiger Wind ließ Sabine schneller laufen. Es war Schulschluss und sie wollte so schnell es ging zu Hause in die warme Stube kommen.
Plötzlich erblickte sie mitten auf dem Fußweg eine Einkaufstasche. Neugierig geworden schaute sie hinein. Was war das denn, da war ein Brillenetui, eine Brotdose und ganz unten lag eine Geldbörse.
Sabine schaute sich um, es war niemand zu sehen. Wer mag die Tasche wohl verloren haben? Geschwind lief sie mit der Tasche nach Hause und schaute sich den Inhalt erst einmal in Ruhe an. Nirgends konnte sie einen Namen finden. In der Geldbörse waren 600 DM. Sie betrachtete die Brille. Sie war ziemlich alt und mit einem dickem Glas versehen, gehörte vielleicht zu einer alten Frau. Sie überlegte, was sie tun konnte. Eigentlich nichts, denn es war kein Hinweis auf dem Besitzer da.
Jetzt so kurz vor Weihnachten brauchte jeder Geld und sie natürlich auch. Schnell nahm sie das Geld an sich und packte den Rest wieder ein.
Ihre Mutter war noch nicht zu Hause. Sie zog sich schnell wieder den Mantel an, versteckte die Tasche in einer großen Plastiktüte und verließ das Haus. An einem Gebüsch angekommen, warf sie die Tasche hinein und überlegte schon, was sie alles kaufen könnte. Endlich würde sie auch ein Handy besitzen, tolle Kleidung...
Schnurstracks lief sie zu einem Handyladen.
"Guten Tag, was kann ich für dich tun?", fragte ein freundlicher Verkäufer.
"Ich möchte mir ein Handy kaufen", antwortete Sabine.
Er zeigte ihr einige Fabrikate und fragte dann nach ihren Eltern.
"Tja, ohne deine Mutter oder deinen Vater, kann ich dir kein Handy verkaufen. Die sollen dann auch einen Ausweis mitbringen.", sagte er zu Sabine, die nun völlig durcheinander war.
Nun hatte Sabine doch das schlechte Gewissen gepackt. Was sollte sie jetzt tun? Zuhause war sie ziemlich still. Machte ihre Hausaufgaben und wollte dann ins Bett.
"Sabine, was ist los mit dir?", fragte die Mutter.
"Ich habe keinen Hunger und bin nur noch müde." , antwortete Sabine. Am nächsten Morgen wachte sie völlig gerädert auf. Sie hatte einen schrecklichen Traum. Eine alte Frau zeigte mit den Fingern auf sie und rief:
"Da ist die Diebin!"
Es gab nur eine Lösung, sie musste die Tasche wieder holen und das Geld da wieder hinein legen.
Sie ging etwas früher los, um noch vor der Schule das Geld loszuwerden. Die Tasche war nicht mehr da. Sabine suchte die ganzen Büsche der Gegend ab, nichts. Verheult erreichte sie die Schule, gerade noch rechtzeitig. Dem Lehrer viel ebenfalls auf, das mit ihr etwas nicht stimmte.
"Sabine, was ist los mit dir? Bald ist Weihnachten und anstatt sich zu freuen, sitzt du da, wie ein Häufchen elend."
Sabine sagte nichts.

Wieder hatte sie den Traum, in dem sie als Diebin beschimpft wurde. Es wurde immer schlimmer, sie fürchtete sich vor der Nacht. Das Geld rührte sie nicht an und hatte es gut versteckt.
Am heiligen Abend konnte sie das Bett nicht verlassen. Sie hatte hohes Fieber. Ihre Mutter rief besorgt den Arzt an, der dann auch schnell kam. Er war ziemlich ratlos und verschrieb ihr Medizin.
Ihre Weihnachtsgeschenke lagen auf dem Nachtschrank, aber sie schaute sie nicht einmal an, als sie am nächsten Morgen erwachte.
Sabine musste im Bett bleiben, denn das Fieber war hartnäckig.
Mittlerweile schrie sie im Traum und ihre Mutter wusste sich keinen Rat. Endlich, nach einigen Tagen trat Besserung ein.
"Das freut mich aber, dass es dir besser geht. Möchtest du denn nicht deine Geschenke aufmachen?", fragte die Mutter.
Sabine öffnete sie, ohne Freude daran zu haben. Das letzte Geschenk aber brachte sie zum Weinen. Ein Handy! Wie sehr hatte sie es sich gewünscht, aber nun...! Sie erinnerte sich an dem Tag, als sie von dem gefundenen Geld eines kaufen wollte. Die Mutter verstand nun gar nichts mehr und nahm sich vor, ihr Kind mal so richtig untersuchen zu lassen.
Sabine hatte sich sehr verändert. Das blieb auch die nächsten Monate so. Ein stilles, in sich gekehrtes Mädchen.



Wieder stand Weihnachten vor der Tür. Die Erinnerungen kamen und machten sie noch trauriger.


"Hallo Sabine, grüßt du mich gar nicht mehr?", rief Oma Wieland, die ein paar Häuser weiter wohnte.
"Oh, entschuldigen sie bitte, ich war so in Gedanken." stotterte Sabine.
"Ja, die Weihnachtszeit, da kommen so viele Erinnerungen. Musst du jetzt in die Schule?"
"Ja, aber ich habe erst zur zweiten Stunde, also noch viel Zeit."
"Na dann, können wir uns ja mal wieder etwas unterhalten. War ja schon lange nicht mehr.", meinte die alte Dame und ging neben Sabine her.
"Ich habe sie auch schon lange nicht mehr gesehen, Frau Wieland."
"Stimmt, ich war einige Wochen krank und konnte nicht so gut laufen . Möchtest du mich nicht mal wieder besuchen kommen, Sabine?"
Die nickte und man machte eine Uhrzeit aus.
"Also, bis heute Nachmittag. Ich werde ein paar Kekse backen.", rief ihr die alte Dame noch zu.
Sabine erinnerte sich, wie schön es immer bei ihr war. Oft hatte sie sie besucht, wenn ihre Mutter nicht da war. Sie war so mit ihren Sorgen beschäftigt, dass sie sie völlig vergaß.
Als Sabine das Haus von Oma Wieland betrat, duftete es schon nach ihren köstlichen Keksen.Gemütlich saßen sie beisammen und erzählten.
"Was hatten sie denn für eine Krankheit, als sie so lange im Haus waren?" , fragte Sabine.
"Oh, das war eine schlimme Geschichte, " erzählte Oma Wieland, "ich bin an der Steinstrasse gestürzt. Es war kurz vor Weihnachten und ich wollte schnell noch ein paar Geschenke kaufen. Ich hatte mir extra ein Butterbrot gemacht, du weißt ja, wegen meinem Zucker, muss ich öfters essen. Dennoch hat es mich erwischt. Mein Zucker ging ziemlich schnell runter. Ein Anwohner hatte mich gefunden und mit in sein Haus genommen, da es an dem Tag so kalt war. Die Frau rief den Krankenwagen und ich vermisste plötzlich meine Tasche."
Sabine erschrak, es war das Geld von Oma Wieland!
"Leider war die schon weg.", erzählte die Dame weiter,
"Dann kam der Krankenwagen, ich musste mehrere Wochen in der Diabetesklinik liegen. Irgendwann hatte ich dann die Idee mit dem Fundbüro und tatsächlich, meine Tasche wurde gefunden. Nur leider ohne Geld."
Sabine wurde es heiß und kalt. Sie wollte so schnell wie möglich weg. Tat so, als hätte sie etwas vergessen, was ihre Mutter ihr aufgetragen hatte und verschwand. Als sie wieder zu Hause war, holte sie die 600 DM aus dem Versteck. Nun wusste sie, was sie damit tun wollte. Sie packte ein kleinen Päckchen mit dem Geld und lief zum Haus von Oma Wieland. Das Päckchen legte sie gut sichtbar vor ihrer Haustür, klingelte und lief ganz schnell weg. Endlich fiel ihr ein tonnenschwerer Stein von der Seele. Einige Tage später traf sie Oma Wieland wieder. Die erzählte ihr von dem Päckchen. Irgendwie schaute sie sie anders an, hatte sie etwas gemerkt? Das wird sie wohl nie erfahren.
Aber immer kurz vor Weihnachten kamen die Erinnerungen...

Kostenlose Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!