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Der Zwerg

© by Inga Rothe 04
Wie sehr hatten sich die Jungen auf die Ferien gefreut, nun aber hatten sie genug und waren froh, das die Schule wieder begann.
Auf dem Schulweg trafen sich die vier Freunde, Uli, Markus, Thomas und Sebastian. Uli war der Anführer und da er den längsten Schulweg hatte, warteten die anderen bereits auf ihn.
“Hey, Alter, dachte schon du kommst gar nicht”,  rief ihm Thomas entgegen.
Nach einer stürmischen Begrüßung, Uli war die ganzen Ferien bei seinen Großeltern, marschierten sie los.
Vor der Schule sahen sie ein Taxi ankommen. Neugierig geworden, bleiben sie stehen.
Die Tür ging auf und ein schmächtiger Junge versuchte zunächst alleine herauszusteigen, aber der Taxifahrer eilte herbei, um ihn behilflich zu sein. Das war Klaus sehr peinlich, denn er sah den Blick der vier Jungen auf sich gerichtet.
Der Taxifahrer gab ihm seine Krücken und fragte, ob er ihn in die Schule bringen soll. Dieser aber verneinte, nahm seine Krücken und ging in Richtung Schuleingang. Uli fing laut an zu lachen.
 “Guckt euch den Knirps an, kann kaum laufen und hat sicher noch Windeln an. Was will der denn hier auf unserer Schule, der gehört doch noch in den Kindergarten.” Die anderen Jungen stimmten nun auch mit ein und liefen hinterher.
 
Es klingelte und die Jungen ließen von Klaus ab und stürmten in ihren Klassenraum.
Da kam auch schon Herr Marx in die Klasse. Uli traute seinen Augen nicht, denn gleich hinter ihm kam der Junge aus dem Taxi.
“ Was will denn der Zwerg hier?”, grölte er gleich los. Die Anderen lachten nun ebenfalls und Klaus kam sich noch kleiner vor, als er schon war. Er versuchte sich aber nichts anmerken zu lassen und blieb brav neben Herrn Marx stehen.
“Ruhe Kinder, was ist das denn für ein Benehmen und das auch gleich am ersten Tag!”
Schimpfte er.
“Das ist Klaus Kaufmann, unser neuer Schüler. Nehmt etwas Rücksicht auf ihn. Er hatte eine schwere Krankheit und wenn er auch nur 1,15m ist, so ist er doch schon 12 Jahre und euch geistig nicht unterlegen.”
 
Klaus musste ausgerechnet neben Uli sitzen und war froh, als die Schule zu Ende war.
Keiner wollte etwas mit ihm zu tun haben, niemand sprach ihn an. Alle drehten sich nur um und lachten über ihn.
So hatte er sich den Umzug nicht vorgestellt. Endlich durfte er in einer normalen Schule und nun so etwas.
Er hieß ab sofort nur noch Zwerg und das tat weh!
 
Frau Kaufmann tat alles, ihren Sohn zu trösten, aber es war sinnlos.
Nach einigen Wochen hielt Klaus es kaum noch aus. Diese ständigen Hänseleien riefen Albträume hervor und er konnte kaum noch schlafen.
Eines morgens schellte das Telefon, Klaus wollte gerade seinen Mantel anziehen, da sein Taxi kommen musste, um zur Schule zu fahren.
“Klaus, ist für dich”, rief seine Mutter.
“Für mich? “ überrascht nahm er den Hörer in die Hand.
“Hey, du Zwerg! Du brauchst heute nicht zur Schule kommen, wir schreiben eine Mathearbeit und da du dich womöglich in die Hose machst vor Angst, gehe lieber in den Kindergarten!”
Klaus ließ vor Schreck den Hörer fallen, natürlich hatte er die Stimme von Uli erkannt und ihm wurde ganz schwindelig.
Frau Kaufmann konnte ihn gerade noch auffangen.
“Klaus, was ist mit dir? Komm, geh ins Bett, ich hole den Doktor.”,  sagte sie.
Klaus aber verneinte, es ging wieder und da kam auch schon das Taxi.
Widerwillig ließ seine Mutter ihn gehen.
 
Nein, dachte er, jetzt darf ich keine Angst zeigen, sonst hört das niemals auf.
Mit erhobenen Kopf betrat er die Klasse. Uli traute seinen Augen nicht und rief: “Was willst du denn hier, du Zwerg? Geh wieder nach Hause zu deiner Mami!” Die anderen fingen an zu lachen.
Klaus wollte sich auf seinem Platz setzen, als ihm Uli den Stuhl wegzog. Klaus fiel hin und streifte dabei den Tisch. Es wurde dunkel um ihn.
 
Im Krankenhaus erwachte er aus seiner Ohnmacht.
“Na, junger Mann, was ist denn passiert?”, fragte ein freundlicher Doktor. Er wollte gerade etwas sagen, da erwiderte auch schon seine Mutter: “Ich wollte ihn erst gar nicht in die Schule schicken, ihm war heute morgen schon schwindelig.”
Klaus schwieg dazu. Er hatte eine leichte Platzwunde und Gehirnerschütterung, ansonsten war ihm nichts geschehen. Ein paar Tage allerdings musste er im Krankenhaus bleiben.
 
Als er wieder zur Schule ging, wurde es zwar besser mit den Anderen, aber die Hänseleien hörten nicht ganz auf.

 Kurz vor Weihnachten schneite es und alle Kinder jubelten und freuten sich auf das Schlittenfahren. Nur Klaus nicht, denn für ihn war es sehr anstrengend durch den Schnee zu laufen mit seinen Krücken.
Sein Taxi verspätete sich an diesem Tag, nach Schulschluß, durch die schlechten Straßenverhältnisse. So kam es, das er als letzter die Schule verließ.
Plötzlich steckten sie in einem Stau.
 “Sicher ist da ein Unfall passiert,” sagte der Taxifahrer.
Klaus hatte es nicht mehr weit und sagte, er wolle die kurze Strecke zu Fuß  gehen und stieg einfach aus. Der Bürgersteig war gestreut und so kam er auch schneller vorwärts.
 
Da sah er auch schon jemand auf der Straße liegen, mehrere Leute um ihn herum, die schrieen, jemand solle den Krankenwagen rufen.
Beim näheren Hinschauen, erkannte er Uli an seinem blauen Schal. Entsetzt blieb er stehen, bahnte sich einen Weg durch die Menschenmenge und kniete nieder.
Uli war nicht bei Bewusstsein, aber die anderen drei Jungen, die etwas weiter abseits standen, schauten beschämt zur Seite.
Keiner hatte daran gedacht, das Uli frieren könnte, denn es war bitterkalt. Klaus zog seinen Mantel aus und legte ihm Uli über. Er selber merkte nichts von der Kälte.
Dann ging alles ganz schnell, der Krankenwagen kam und sie nahmen Uli mit.
Klaus machte sich wieder auf seinen Heimweg. Da rief plötzlich Thomas seinen Namen.
Verdutzt schaute er sich um.
“Hier, Klaus, du hast deinen Mantel vergessen.” Klaus legte ihn sich über, bedankte sich und ging schweigend weiter.
Am nächsten Tag stand der Unfall in der Zeitung und daraus ging hervor, dass Uli in eine Auto gelaufen war und sich beide Beine gebrochen hatte.
 
Einige  Wochen später kam er wieder in die Schule, allerding in einem Rollstuhl. Die anderen hatten gehört, was sich ereignet hatte und wie sich Klaus verhielt. Nun nahmen sie ihn für voll und akzeptierten ihn. Wie aber würde sich Uli verhalten?
Vor dem Klassenzimmer begegneten sie sich.
“Hey Zwerg! Danke, ich habe gehört was du für mich getan hast. Danke. Oh, sorry, jetzt bin ich ja der Zwerg, denn du bist plötzlich grösser als ich.”
Grinsend  reichte er  Klaus die Hand zur Versöhnung und dieser schlug aufatmend ein.

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