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Die Mutprobe

 

© by Inga Rothe

Marlene, Kathrin, Susanne und Emely trafen sich in der großen Pause, um einen Plan für ihren neuen Club auszuarbeiten. Sie gingen alle in die 4. Klasse und kannten sich schon aus dem Kindergarten.

„Ich denke, alle die mitmachen wollen, sollten eine Mutprobe bestehen." Sagte Marlene, die die Größere war. „Au ja, tolle Idee! Und dann müssen wir uns noch einen Namen aussuchen!" entgegnete Susanne.

Sie verabredeten sich am Nachmittag bei Marlene.

Die Zeit verging recht schnell und so saßen sie alle in Marlenes Zimmer.

„Wir wollen doch alten Leuten helfen und auch kranke, darum müssen wir einen Namen finden, der auch passt", meinte Susanne.

„Klaro, das finde ich auch. Wie wäre es denn mit „die Helferlein"?" entgegnete Marlene

„Helferlein? Hm, nee, das klingt doof. Hört sich an, wie ein Babyverein!" erwiderte Emely", „Aber wie wäre es mit „die Angel"?"

„Wieso Angel? Wir wollen doch keine Fische fangen!" lachte Susanne.

„Mensch bist du blöd, das heißt doch Engel! Habe ich neulich gelesen!" sagte entrüstet Emely. „Dann musst du es aber auch richtig aussprechen, das heißt nicht Angel, sonder Ängel" kicherte Kathrin.

„Hm, was ist, wenn die Leute den Ausdruck nicht kennen?" warf Susanne ein.

„Ich habe es, wie wäre es mit „die Kinder der guten Taten?" schlug Marlene vor.

Schnell wurde man sich einig, denn es hörte sich ja gut an und sagte alles aus.

„Was nutzt uns eine gute Tat, wenn wir schon bei dem geringsten Geräusch in die Hosen machen?" sagte Kathrin.

„Tzz, ich habe keine Angst, ich gehe sogar nachts in den Keller!"

„Ich gehe sogar in den Wald, wenn es dunkel ist." riefen Emely und Susanne .

„Reden kann jeder, aber es auch tun?" meinte Marlene.

Also schrieben sie erst einmal ein paar Stichpunkte auf.

„Ich habe da etwas tolles" schlug Kathrin vor, „jemand geht mir verbundenen Augen über die Straße!"

„Bist du verrückt, das ist zu gefährlich!" riefen die anderen durcheinander.

„Na gut, dann eben im Dunklen auf einem Friedhof gehe, ganz allein." meinte Marlene.

Dieser Vorschlag wurde angenommen und sie planten, dass sie am Tage auf einem bestimmten Grab für jede einen Stein legen wollten, den sie dann im Dunkeln holen wollten.

„Wann soll es los gehen?" fragte Kathrin „Na, gleich morgen, denn jetzt ist es ja schon dunkel und wir können nichts mehr sehen. Also nach der Schule gehen wir gleich zum Friedhof, um uns eine Stelle auszusuchen." erwiderte Marlene.

Genauso taten sie es dann auch.

Gegen 13 Uhr fanden sie sich am Friedhof ein. Emely war plötzlich ganz komisch zu mute. Susanne schluckte tapfer und suchte schon mal vier kleine Steine.

Mitten auf dem Friedhofsweg entdeckten sie ein Grab, das etwas abseits lag. Das sollte es sein und sie legten vier Steine, auf dem Marmorstein.

Da es Februar war, musste es um 18 Uhr dunkel sein und sie wollten sich um diese Zeit vor dem Friedhof treffen.

!7:30 Uhr, Emely erschrak, wie schnell doch die Zeit vergeht. Mit Zittern dachte sie an die Mutprobe. Nur gut, das keiner ihrer Freundinnen etwas gemerkt hatte, sie fürchtete sich ganz schrecklich, aber sie wollte ja Mitglied werden. Schnell packte sie ihr kleines Kuscheltier in ihren Mantel, das sollte ihr Mut machen und ging zum Friedhof.

Die Anderen waren schon da. Ganz so dunkel war es nicht, man konnte noch ein klein wenig sehen.

Susanne meinte, sie bekäme wohl eine Grippe und fühle sich gar nicht gut. „Blödsinn, „entgegnete Marlene, „du hast ja nur angst!"

Nun wurde ausgewählt, wer zuerst gehen sollte.

Marlene war die Erste. Sie zeigte keine Angst und lief sofort los.

Nach ein paar Minuten war sie wieder da und zeigte ihren Stein ganz stolz.

Nun war Kathrin an der Reihe, auch sie kam schnell wieder und hatte einen Stein in der Hand.

Susanne fasste allen Mut zusammen und ging los. Ihr war richtig schlecht vor Angst und als ihr dann noch eine Maus über den Weg huschte, schrie sie auf und lief so schnell sie nur konnte zurück. Schnappte sich aber noch schnell einen Stein, der vor ihr am Boden lag, um dann wieder so schnell ihre Füße sie tragen konnten zu den Anderen zu laufen.

„Was ist passiert?" fragte Emely, „warum hast du geschrieen?"

Susanne wurde wieder ganz mutig und da sie eigentlich bekannt war, für ihre Horrorgeschichten, erzählte sie: „Ich erreichte gerade die Mitte des Weges, da hielt mich ein Geist fest! Der sagte, ich solle mich beeilen, denn bald kommen alle Geister aus ihrem Grab und feiern den Karneval des Todes!"

„Puh, nur gut, das wir die Steine haben", entgegneten Kathrin und Marlene.

„Aber ich muss noch da durch". sagte Emely ängstlich und ihr lief eine Gänsehaut dem Rücken herunter.

Keiner wollte sie begleiten, denn das war ja auch nicht ausgemacht. Also musste sie gehen.

Sie nahm ihr Kuscheltier ganz fest in die Hand und sang ein Lied. Aber auch das half nicht viel. Dort drüben knackte es und da hinten, war da nicht etwas? Nein, sie konnte nicht weiter gehen. Schnell suchte sie nach einem ähnlichen Stein und lief schnell zurück.

„Wow, du bist aber mutig, Emely, ich wäre da nicht mehr hin gegangen," riefen die Anderen.

Still gingen die Mädchen nun heim.

Am nächsten Tag sprachen sie auch nicht viel in der Schule, sondern jede für sich verschwand ganz schnell, anders wie sonst.

Emely hatte ein ganz schlechtes Gewissen, denn eigentlich hatte sie ja gelogen und was ist, wenn die Anderen nun ihren Stein auf dem Grab entdeckten? Sie musste da ganz schnell hin und zwar sofort!

Komisch, am Tage hatte sie keine Angst. Aber was ist denn das? An dem Grab standen die anderen Mädchen und lachten. Auch das noch, sie hatten ihre Lüge bemerkt!

„Na, Emely, hast uns ganz schön angeschmiert, oder?" meinte Marlene.

„Ja, ich gebe es zu, aber warum müssen wir denn auch eine Mutprobe machen, wenn wir doch alten Leuten helfen wollen?", sagte sie kleinlaut.

„Na, dann komm mal her und schaue hier auf das Grab, was siehst Du da?" , entgegnete Marlene.

Emely trat vor und was sah sie? Alle vier Steine lagen da! Wie konnte das sein?

Die Lösung ist ganz einfach, keiner der Mädchen hatte den Mut und zeigte einen anderen Stein vor. In Zukunft wollten sie aber ehrlich zueinander sein und auch mal zugeben, dass sie auch mal Angst haben.

Über diese Mutprobe mussten sie noch lange lachen.

Genau, man muss doch keine Mutprobe bestehen, wenn man eine gute Tat vollziehen will, oder?

 

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