Zurück
 
Wo wohnen die Engel?
                                                               © Inga Rothe
 
“Sybille, da bist du ja.  Ich suche dich schon im ganzen Haus”,  erleichtert setzt sich die Mutter neben ihrer Tochter auf das Bett.
“Was ist los? Du bist ja so schweigsam?”
Sybille nimmt ihre Mutter in die Arme und weint.
“Ach Mami, ich musste wieder an unser Baby denken. Bald hätte es Geburtstag gehabt und ich wollte doch so gerne sehen, wenn es Laufen lernt und...” Schluchzend verbarg sie ihren Kopf in dem Kissen.
Die Mama tröstete so gut es ging, wenn es ihr auch sehr schwer fiel, denn auch sie hatte die kleine Nadja nicht vergessen, die nur wenige Wochen alt, verstorben war. Ihr Herz hatte einfach aufgehört zu schlagen. Sie konnte die Tränen ebenfalls nicht mehr zurück halten.
“Hier steckt ihr also und ich dachte schon, ich müsse alleine zu Abend essen.” Der Papa verstummte, als er seine beiden Frauen, wie er immer scherzend zu sagen pflegte, so sah.
Er wusste aber gleich worum es ging und versuchte die beiden aufzumuntern.
“Na kommt, lasst uns erst mal zusammen essen, dann können wir es uns und ja noch gemütlich machen und über alles reden.”
Nach dem Abendessen setzen sie sich in das große Wohnzimmer.
“Komm, sei nicht mehr so traurig, Sybille. Mama und ich sind es zwar auch noch, aber die kleine Nadja ist jetzt bei den Engeln und es geht ihr sicher ganz gut.”
“Bei den Engeln?” Sybille schaut ihrem Vater mit großen Augen an.
Wie aber soll er das einer fünfjährigen sonst erklären?
“Ja, bei den Engelein. Die haben sie bei sich aufgenommen und passen sehr gut auf sie auf.”
“Wo wohnen die denn?”
“Im Himmel, das weißt du doch.”
“Ja, aber wie kommen die denn dahin?”
“Na, die haben doch Flügel.”
“Nadja hatte aber keine.”
“Die haben sie getragen.”
Papa las ihr noch eine Engelsgeschichte vor, als er sie ins Bett brachte und Sybille schlief selig ein.
Sie träumte von ganz vielen Engel und von ihrer kleinen Schwester.
 
Es war noch dunkel als sie wach wurde, aber sie hatte schon eine Idee.
Sie wollte zu den Engeln gehen und sie bitten, ihr Nadja wieder zu geben. Sicher würde die Mama dann auch nicht mehr so oft weinen und wieder so lachen wie früher.
Schnell packte sie ihren kleinen Rucksack, zog ihren warmen Mantel und Stiefel an und verließ ganz leise das Haus.
 
Sybille überlegte, in welcher Richtung musste sie denn gehen? Sie bemerkte nicht, wie kalt es an diesem Dezembermorgen war.
Der Vater hatte von den Tieren im Wald gelesen, die sich mit den Engeln getroffen hatten um Weihnachten zu feiern. Vielleicht können die Tiere ihr weiterhelfen.
So marschierte sie in Richtung Wald.
Als sie dort ankam, wurde es hell. Sybille hatte kein Angst, aber es ist nicht schön, wenn alles so dunkel ist, das man kaum etwas sehen konnte.
Eine Weile ging sie dem Waldweg lang, aber sie sah kein einziges Tier. So beschloss sie zwischen den Bäumen zu gehen.
Da sah sie tatsächlich einen Hasen und sie rief ihm zu:
 “Hallo Hase, ich bin Sybille, weißt du, wo die Engel wohnen?”
Der Hase aber verschwand wieder, so schnell er gekommen war. Sybille rief den Vögeln zu, aber keiner antwortete ihr.
Es fing an zu schneien und nun merkte Sybille auch, das es bitterkalt war. Sie wollte umkehren,  wusste aber nicht mehr, wo sie war und außerdem war sie so müde geworden. Da kam eine umgeknickte Tanne genau richtig. Sie wollte sich erst einmal ausruhen. Kaum saß sie, schlief sie auch schon ein.
Sybille hatte Glück, denn wären nicht einige Arbeiter im Wald gewesen, um Weihnachtsbäume zu schlagen, wäre sie sicher erfroren.
Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Die Polizei verständigt und da die Eltern sofort eine Vermisstenanzeige aufgegeben hatten, konnten diese endlich ihre Tochter wieder in die Arme schließen.
Sybille erzählte ihnen, das sie die kleine Nadja von den Engeln holen wollte. Der Weg aber soweit war bis zum Himmel.
Der Vater schluckte und wischte sich verlegen einige Tränen fort. Er nahm seine Tochter in die Arme und erklärte ihr, das man, wenn man auf der Welt wohnt, nicht einfach zu den Engel in den Himmel gehen kann.
Gar nicht so einfach, einer fünfjährigen das klar zu machen. Vielleicht sollte man sich ganz genau überlegen, was man Kindern erzählt, denn sie wissen nicht was möglich oder unmöglich ist...
Datenschutzerklärung
Eigene Webseite von Beepworld
 
Verantwortlich für den Inhalt dieser Seite ist ausschließlich der
Autor dieser Homepage, kontaktierbar über dieses Formular!